Stellungnahme zur geplanten Änderung der Thüringer Schulordnung

Stellungnahmen
19. März 2025

Stellungnahme zur geplanten Änderung der Thüringer Schulordnung

Sehr geehrter Herr Tischner,

die geplante Wiedereinführung von Noten für Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung in Thüringen

knüpft an eine lange Tradition der sogenannten Kopfnoten an, die bereits im Schulsystem der DDR

eine zentrale Rolle spielten. Sie sollten damals Disziplin und soziale Anpassung bewerten. Nach der

Wiedervereinigung wurden diese Bewertungen in vielen Bundesländern abgeschafft oder durch

verbal differenzierte Rückmeldungen ersetzt, da sie als subjektiv und potenziell benachteiligend für

Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen galten. Die nun geplante

Wiedereinführung wirft daher nicht nur pädagogische, sondern auch gesellschaftspolitische Fragen

auf: Ist es sinnvoll, Verhaltensaspekte in festen Noten auszudrücken, oder braucht es modernere

Formen der Rückmeldung, die die individuelle Entwicklung der Kinder besser berücksichtigen?

1. Auswirkungen auf die intrinsische Motivation

Die Bewertung von Verhaltensaspekten wie Fleiß und Ordnung durch Noten kann die intrinsische

Motivation der Schüler beeinträchtigen. Empirische Studien zeigen, dass extrinsische

Belohnungssysteme, wie beispielsweise die Lern- und Verhaltensampel, bei Kindern ohne

Verhaltensschwierigkeiten kontraproduktiv wirken können. Diese Kinder zeigen bereits ein

eigenständiges positives Verhalten, das durch zusätzliche extrinsische Motivationssysteme reduziert

werden kann.

2. Subjektivität und soziale Benachteiligung

Die Beurteilung von Verhaltensaspekten wie Fleiß, Verhalten, Mitarbeit und Ordnung unterliegt

einer hohen Subjektivität. Unterschiedliche Lehrkräfte können dasselbe Verhalten unterschiedlich

bewerten, was zu Intransparenz und Ungerechtigkeit führt. Zudem besteht die Gefahr, dass solche

Bewertungen von persönlichen Vorlieben oder Vorurteilen beeinflusst werden. Dies widerspricht

dem Prinzip der Objektivität in der Leistungsbewertung. Die Objektivität von Betragensnoten steht

in der wissenschaftlichen Diskussion stark in Zweifel. Untersuchungen haben gezeigt, dass solche

Bewertungen häufig von persönlichen Vorlieben der Lehrkräfte beeinflusst werden. Beispielsweise

ergab eine Studie, dass die beliebtesten Schülerinnen tendenziell bessere Noten erhielten, als es ihre

tatsächliche Leistung rechtfertigte. Konkret wurden 50 % der 178 beliebtesten Schülerinnen besserbewertet, während nur 16 % eine niedrigere Bewertung als ihre gemessene Leistung erhielten (vgl. Hadley, A. O., 1954).

Diese Ergebnisse verdeutlichen die Subjektivität bei der Vergabe von Kopfnoten und werfen Fragen

zur Fairness und Aussagekraft solcher Bewertungen auf.

Die Vergabe von Noten für Verhalten, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung kann für sozial benachteiligte

Kinder weitreichende negative Konsequenzen haben. Da sie oft weniger Unterstützung im

Elternhaus erhalten, laufen sie Gefahr, dauerhaft schlechtere Bewertungen zu bekommen –

unabhängig von ihren tatsächlichen Fähigkeiten und ihrem Lernpotenzial. Dies kann zu einem Gefühl

der Ungerechtigkeit und Frustration führen, das ihre Lernmotivation und ihr schulisches

Selbstvertrauen nachhaltig beeinträchtigt. Zudem besteht die Gefahr, dass solche Noten als

Selektionsinstrument genutzt werden, wodurch benachteiligte Kinder frühzeitig in ihrer schulischen

Laufbahn abgestempelt werden. Anstatt sie zu fördern und individuelle Rahmenbedingungen zu

berücksichtigen, könnten negative Bewertungen dazu führen, dass sie sich von der Schule

entfremden, wodurch sich bestehende Bildungsungleichheiten weiter verschärfen.

3. Negative Auswirkungen auf das Selbstbild und die soziale Entwicklung

Negative Verhaltensnoten können das Selbstbild von Kindern nachhaltig beeinträchtigen und zu

Stigmatisierung führen. Kinder, die wiederholt schlechte Noten in diesen Bereichen erhalten,

könnten sich als „schlecht“ oder „unfähig“ wahrnehmen, was ihr Selbstwertgefühl mindert und ihre

soziale Entwicklung hemmt. Dies kann zu einem Teufelskreis führen, in dem die Motivation und das

Engagement der betroffenen Schülerinnen und Schüler weiter sinken.

Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind in besonderem Maße von einer Bewertung ihres

Fleißes, ihrer Ordnung und Mitarbeit betroffen, da diese Aspekte stark von der häuslichen

Unterstützung abhängen. Während Kinder aus bildungsnahen Haushalten oft von Eltern begleitet

werden, die ihnen bei der Organisation von Materialien, der Erledigung von Hausaufgaben und der

Entwicklung von Lernstrategien helfen, fehlt diese Unterstützung in vielen sozial schwächeren

Familien. Ein Kind, das beispielsweise keine ruhige Lernumgebung zu Hause hat oder dessen Eltern

aufgrund beruflicher Verpflichtungen wenig Zeit für schulische Belange aufbringen können, könnte

fälschlicherweise als „unordentlich“ oder „wenig fleißig“ eingestuft werden. Dadurch werden soziale

Unterschiede nicht nur reproduziert, sondern sogar verstärkt, da diese Kinder durch negative

Bewertungen zusätzlich demotiviert werden und früh das Gefühl bekommen, nicht mit ihren

Mitschülern mithalten zu können. Ähnlich verhält es sich bei Kindern mit Migrationshintergrund.

Viele Familien haben zunächst große Schwierigkeiten sich in der deutschen Bürokratie

zurechtzufinden und haben dadurch nicht gleich alle Materialien parat. Viele Kinder kommen zu

spät, weil manche Eltern durch Zuweisungen ihre Kinder morgens an drei verschiedene Schulen

bringen müssen. Sie zeigen sich zudem zu Beginn sehr zurückhaltend, da ihre Sprachkenntnisse noch

nicht ausreichend entwickelt sind.

4. Arbeitsbelastung von Lehrkräften

Die Wiedereinführung von Betragensnoten würde für Lehrkräfte eine erhebliche zusätzliche

Arbeitsbelastung bedeuten, insbesondere durch die verpflichtende Durchführung von

Klassenkonferenzen für jede Schülerin und jeden Schüler. Da diese Noten Verhaltensweisen wie

Fleiß, Ordnung und Mitarbeit bewerten, müssten Lehrkräfte ihr Urteil über einen längeren Zeitraum

hinweg detailliert dokumentieren, um eine faire und nachvollziehbare Bewertung zu gewährleisten.

Dies setzt eine kontinuierliche Beobachtung sowie eine sorgfältige Protokollierung voraus, um sich

gegen mögliche Beschwerden abzusichern. Besonders zeitintensiv wären zudem die regelmäßig

einzuberufenden Klassenkonferenzen, in denen jede einzelne Note besprochen und begründet

werden müsste. Zusätzlich steigt der Aufwand für Elterngespräche, da viele Eltern eine genaue

Erläuterung der erteilten Noten einfordern – insbesondere, wenn ihr Kind schlechter bewertet

wurde als erwartet. Diese zusätzlichen bürokratischen Anforderungen könnten nicht nur zu

vermehrten Konflikten führen, sondern auch die pädagogische Arbeit der Lehrkräfte erheblich

beeinträchtigen, da wertvolle Zeit für die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler

verloren geht.

Fazit

Die Einführung von Noten für Fleiß, Verhalten, Mitarbeit und Ordnung in der Grundschule ist aus

pädagogischer und wissenschaftlicher Sicht nicht sinnvoll. Sie birgt das Risiko, die intrinsische

Motivation der Schüler zu mindern, führt zu subjektiven und potenziell ungerechten Bewertungen

und kann negative Auswirkungen auf das Selbstbild und die soziale Entwicklung der Kinder haben.

Im Rahmen unserer Stellungnahme haben wir die Mitglieder des Grundschulverbands Thüringen

befragt, ob sie die Wiedereinführung von Betragensnoten in der Grundschule befürworten. Das

Ergebnis war eindeutig: Alle teilnehmenden Mitglieder sprachen sich einstimmig gegen die

Einführung von Noten für Verhalten, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung aus. Diese klare Ablehnung zeigt,

dass die in der Praxis tätigen Lehrkräfte solche Bewertungen weder für sinnvoll noch für förderlich

für die Entwicklung der Kinder halten. Der Grundschulverband Thüringen plädiert daher für den

Verzicht auf solche Noten. Viele Lehrkräfte nutzen bereits die etablierten

Lernentwicklungsgespräche, um Schülerinnen und Schülern sowie ihren Eltern eine individuelle und

differenzierte Rückmeldung zu Ordnung, Verhalten, Fleiß und Mitarbeit zu geben. In diesen

Gesprächen reflektieren sie gemeinsam mit den Kindern ihre persönliche Entwicklung und

berücksichtigen dabei die jeweilige Familiensituation. So können Herausforderungen wie fehlende

häusliche Unterstützung oder besondere soziale Belastungen besprochen werden, ohne dass diese

pauschal durch Noten sanktioniert werden. Zudem ermöglichen die Gespräche eine konstruktive

Auseinandersetzung mit der Perspektive des Kindes und der Eltern, um gemeinsam Lösungen zur

Förderung von Motivation und sozialem Verhalten zu entwickeln. Diese Form der Rückmeldung hat

sich in der Praxis bewährt, da sie nicht nur das Vertrauensverhältnis zwischen Schule und Familie

stärkt, sondern auch eine positivere und entwicklungsorientierte Haltung zum Lernen und Verhalten

unterstützt.

Mit freundlichen Grüßen

Kevin Weichold

Vorsitzender des Thüringer Grundschulverbands

Antje Klecha

Stellvertretende Vorsitzende des Thüringer Grundschulverbands