Stellungnahme zur geplanten Änderung der Thüringer Schulordnung
Sehr geehrter Herr Tischner,
die geplante Wiedereinführung von Noten für Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung in Thüringen
knüpft an eine lange Tradition der sogenannten Kopfnoten an, die bereits im Schulsystem der DDR
eine zentrale Rolle spielten. Sie sollten damals Disziplin und soziale Anpassung bewerten. Nach der
Wiedervereinigung wurden diese Bewertungen in vielen Bundesländern abgeschafft oder durch
verbal differenzierte Rückmeldungen ersetzt, da sie als subjektiv und potenziell benachteiligend für
Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen galten. Die nun geplante
Wiedereinführung wirft daher nicht nur pädagogische, sondern auch gesellschaftspolitische Fragen
auf: Ist es sinnvoll, Verhaltensaspekte in festen Noten auszudrücken, oder braucht es modernere
Formen der Rückmeldung, die die individuelle Entwicklung der Kinder besser berücksichtigen?
1. Auswirkungen auf die intrinsische Motivation
Die Bewertung von Verhaltensaspekten wie Fleiß und Ordnung durch Noten kann die intrinsische
Motivation der Schüler beeinträchtigen. Empirische Studien zeigen, dass extrinsische
Belohnungssysteme, wie beispielsweise die Lern- und Verhaltensampel, bei Kindern ohne
Verhaltensschwierigkeiten kontraproduktiv wirken können. Diese Kinder zeigen bereits ein
eigenständiges positives Verhalten, das durch zusätzliche extrinsische Motivationssysteme reduziert
werden kann.
2. Subjektivität und soziale Benachteiligung
Die Beurteilung von Verhaltensaspekten wie Fleiß, Verhalten, Mitarbeit und Ordnung unterliegt
einer hohen Subjektivität. Unterschiedliche Lehrkräfte können dasselbe Verhalten unterschiedlich
bewerten, was zu Intransparenz und Ungerechtigkeit führt. Zudem besteht die Gefahr, dass solche
Bewertungen von persönlichen Vorlieben oder Vorurteilen beeinflusst werden. Dies widerspricht
dem Prinzip der Objektivität in der Leistungsbewertung. Die Objektivität von Betragensnoten steht
in der wissenschaftlichen Diskussion stark in Zweifel. Untersuchungen haben gezeigt, dass solche
Bewertungen häufig von persönlichen Vorlieben der Lehrkräfte beeinflusst werden. Beispielsweise
ergab eine Studie, dass die beliebtesten Schülerinnen tendenziell bessere Noten erhielten, als es ihre
tatsächliche Leistung rechtfertigte. Konkret wurden 50 % der 178 beliebtesten Schülerinnen besserbewertet, während nur 16 % eine niedrigere Bewertung als ihre gemessene Leistung erhielten (vgl. Hadley, A. O., 1954).
Diese Ergebnisse verdeutlichen die Subjektivität bei der Vergabe von Kopfnoten und werfen Fragen
zur Fairness und Aussagekraft solcher Bewertungen auf.
Die Vergabe von Noten für Verhalten, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung kann für sozial benachteiligte
Kinder weitreichende negative Konsequenzen haben. Da sie oft weniger Unterstützung im
Elternhaus erhalten, laufen sie Gefahr, dauerhaft schlechtere Bewertungen zu bekommen –
unabhängig von ihren tatsächlichen Fähigkeiten und ihrem Lernpotenzial. Dies kann zu einem Gefühl
der Ungerechtigkeit und Frustration führen, das ihre Lernmotivation und ihr schulisches
Selbstvertrauen nachhaltig beeinträchtigt. Zudem besteht die Gefahr, dass solche Noten als
Selektionsinstrument genutzt werden, wodurch benachteiligte Kinder frühzeitig in ihrer schulischen
Laufbahn abgestempelt werden. Anstatt sie zu fördern und individuelle Rahmenbedingungen zu
berücksichtigen, könnten negative Bewertungen dazu führen, dass sie sich von der Schule
entfremden, wodurch sich bestehende Bildungsungleichheiten weiter verschärfen.
3. Negative Auswirkungen auf das Selbstbild und die soziale Entwicklung
Negative Verhaltensnoten können das Selbstbild von Kindern nachhaltig beeinträchtigen und zu
Stigmatisierung führen. Kinder, die wiederholt schlechte Noten in diesen Bereichen erhalten,
könnten sich als „schlecht“ oder „unfähig“ wahrnehmen, was ihr Selbstwertgefühl mindert und ihre
soziale Entwicklung hemmt. Dies kann zu einem Teufelskreis führen, in dem die Motivation und das
Engagement der betroffenen Schülerinnen und Schüler weiter sinken.
Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind in besonderem Maße von einer Bewertung ihres
Fleißes, ihrer Ordnung und Mitarbeit betroffen, da diese Aspekte stark von der häuslichen
Unterstützung abhängen. Während Kinder aus bildungsnahen Haushalten oft von Eltern begleitet
werden, die ihnen bei der Organisation von Materialien, der Erledigung von Hausaufgaben und der
Entwicklung von Lernstrategien helfen, fehlt diese Unterstützung in vielen sozial schwächeren
Familien. Ein Kind, das beispielsweise keine ruhige Lernumgebung zu Hause hat oder dessen Eltern
aufgrund beruflicher Verpflichtungen wenig Zeit für schulische Belange aufbringen können, könnte
fälschlicherweise als „unordentlich“ oder „wenig fleißig“ eingestuft werden. Dadurch werden soziale
Unterschiede nicht nur reproduziert, sondern sogar verstärkt, da diese Kinder durch negative
Bewertungen zusätzlich demotiviert werden und früh das Gefühl bekommen, nicht mit ihren
Mitschülern mithalten zu können. Ähnlich verhält es sich bei Kindern mit Migrationshintergrund.
Viele Familien haben zunächst große Schwierigkeiten sich in der deutschen Bürokratie
zurechtzufinden und haben dadurch nicht gleich alle Materialien parat. Viele Kinder kommen zu
spät, weil manche Eltern durch Zuweisungen ihre Kinder morgens an drei verschiedene Schulen
bringen müssen. Sie zeigen sich zudem zu Beginn sehr zurückhaltend, da ihre Sprachkenntnisse noch
nicht ausreichend entwickelt sind.
4. Arbeitsbelastung von Lehrkräften
Die Wiedereinführung von Betragensnoten würde für Lehrkräfte eine erhebliche zusätzliche
Arbeitsbelastung bedeuten, insbesondere durch die verpflichtende Durchführung von
Klassenkonferenzen für jede Schülerin und jeden Schüler. Da diese Noten Verhaltensweisen wie
Fleiß, Ordnung und Mitarbeit bewerten, müssten Lehrkräfte ihr Urteil über einen längeren Zeitraum
hinweg detailliert dokumentieren, um eine faire und nachvollziehbare Bewertung zu gewährleisten.
Dies setzt eine kontinuierliche Beobachtung sowie eine sorgfältige Protokollierung voraus, um sich
gegen mögliche Beschwerden abzusichern. Besonders zeitintensiv wären zudem die regelmäßig
einzuberufenden Klassenkonferenzen, in denen jede einzelne Note besprochen und begründet
werden müsste. Zusätzlich steigt der Aufwand für Elterngespräche, da viele Eltern eine genaue
Erläuterung der erteilten Noten einfordern – insbesondere, wenn ihr Kind schlechter bewertet
wurde als erwartet. Diese zusätzlichen bürokratischen Anforderungen könnten nicht nur zu
vermehrten Konflikten führen, sondern auch die pädagogische Arbeit der Lehrkräfte erheblich
beeinträchtigen, da wertvolle Zeit für die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler
verloren geht.
Fazit
Die Einführung von Noten für Fleiß, Verhalten, Mitarbeit und Ordnung in der Grundschule ist aus
pädagogischer und wissenschaftlicher Sicht nicht sinnvoll. Sie birgt das Risiko, die intrinsische
Motivation der Schüler zu mindern, führt zu subjektiven und potenziell ungerechten Bewertungen
und kann negative Auswirkungen auf das Selbstbild und die soziale Entwicklung der Kinder haben.
Im Rahmen unserer Stellungnahme haben wir die Mitglieder des Grundschulverbands Thüringen
befragt, ob sie die Wiedereinführung von Betragensnoten in der Grundschule befürworten. Das
Ergebnis war eindeutig: Alle teilnehmenden Mitglieder sprachen sich einstimmig gegen die
Einführung von Noten für Verhalten, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung aus. Diese klare Ablehnung zeigt,
dass die in der Praxis tätigen Lehrkräfte solche Bewertungen weder für sinnvoll noch für förderlich
für die Entwicklung der Kinder halten. Der Grundschulverband Thüringen plädiert daher für den
Verzicht auf solche Noten. Viele Lehrkräfte nutzen bereits die etablierten
Lernentwicklungsgespräche, um Schülerinnen und Schülern sowie ihren Eltern eine individuelle und
differenzierte Rückmeldung zu Ordnung, Verhalten, Fleiß und Mitarbeit zu geben. In diesen
Gesprächen reflektieren sie gemeinsam mit den Kindern ihre persönliche Entwicklung und
berücksichtigen dabei die jeweilige Familiensituation. So können Herausforderungen wie fehlende
häusliche Unterstützung oder besondere soziale Belastungen besprochen werden, ohne dass diese
pauschal durch Noten sanktioniert werden. Zudem ermöglichen die Gespräche eine konstruktive
Auseinandersetzung mit der Perspektive des Kindes und der Eltern, um gemeinsam Lösungen zur
Förderung von Motivation und sozialem Verhalten zu entwickeln. Diese Form der Rückmeldung hat
sich in der Praxis bewährt, da sie nicht nur das Vertrauensverhältnis zwischen Schule und Familie
stärkt, sondern auch eine positivere und entwicklungsorientierte Haltung zum Lernen und Verhalten
unterstützt.
Mit freundlichen Grüßen
Kevin Weichold
Vorsitzender des Thüringer Grundschulverbands
Antje Klecha
Stellvertretende Vorsitzende des Thüringer Grundschulverbands
